ESG-Kriterien

Warum ESG-Kriterien für Unternehmen strategisch entscheidend sind

An ESG – ökologischen und sozialen Kriterien sowie Kriterien der guten Unternehmensführung – kommt bald kein Unternehmen mehr vorbei. Wolfgang Vitzthum, Director of Real Estate & Sustainable Finance, und Mladen Levanic, Head of Infrastructure & Energy in der Firmenkundenberatung der Commerzbank, geben Einblicke in die komplexe Materie der unternehmerischen Nachhaltigkeit und erklären, warum selbst kleinere Unternehmen sich damit auseinandersetzen sollten.

Wolfgang Vitzthum, Director of Real Estate & Sustainable Finance

ESG rückt weltweit verstärkt in den Fokus und gewinnt auf allen Ebenen von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft an Einfluss. Wir beobachten bei Unternehmen ein geschärftes Bewusstsein für die Bedeutung von Nachhaltigkeit, insbesondere für Umweltfragen. Dabei stellen die wachsenden Anforderungen von Seiten der Regierungen, Banken und Aufsichtsbehörden für den gesamten Markt Herausforderungen in einer bisher ungekannten Größenordnung dar.

Als Katalysatoren eines breiteren wirtschaftlichen Wandels haben viele Finanzinstitute eine aktive Rolle bei der Entwicklung und Umsetzung von Lösungen eingenommen, um die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit voranzubringen. Es ist zwar noch nicht bis in alle Unternehmen durchgedrungen, doch schon bald werden ESG-konforme Finanzierungen der neue Standard sein. Nachhaltiges Handeln ist keine Zukunftsmusik mehr – es sollte schon heute Teil der Unternehmensstrategie sein. Daher ist es strategisch geboten, dass Unternehmen Nachhaltigkeit sowohl im eigenen Geschäftsmodell als auch in ihrer Finanzstruktur verankern. Idealerweise berichten sie auch darüber, um künftige Finanzierungsmöglichkeiten nutzen, weiterhin erfolgreich an Lieferketten partizipieren und ihre Marktstellung verteidigen zu können.

ESG-Berichterstattung – fehlende Standards

Mladen Levanic, Head of Infrastructure & Energy for Commerzbank’s corporate sector advisory team

Eine ESG-Strategie in die Tat umzusetzen ist leichter gesagt als getan. Ein uneinheitliches regulatorisches Umfeld mit einer Vielzahl von Initiativen kommt häufig erschwerend hinzu.

Die CSR-Richtlinie (CSRD) der EU liefert für größere Unternehmen zwar den regulatorischen Rahmen, für die ESG-Berichterstattung fehlt jedoch ein standardisierter Ansatz in Bezug auf KPIs und deren Messung, sodass es hier für Unternehmen viele Klippen zu umschiffen gilt. Einer weiteren Standardisierung steht vor allem die hohe Komplexität im Weg. So sind z. B. die Quantifizierung und Vergleichbarkeit der CO2-Emissionen angesichts der vielen verschiedenen Sektoren und Produktionsverfahren sowie der Komplexität der Wertschöpfungsketten alles andere als banal. In der Folge sind nicht nur die vorhandenen Berichtsstandards sehr unterschiedlich, sondern auch die Messmethoden selbst. Dennoch haben sich sektorspezifische Ansätze herausgebildet, die – zumindest bis auf Weiteres – von Aufsichtsbehörden, Anlegern und Banken akzeptiert werden.

Zur Orientierung können unter anderem ESG-Ratings von etablierten Anbietern dienen. Eine klare Definition davon, was ESG-Daten sind, gibt es jedoch nicht – die ESG-Ratingagenturen erheben unterschiedliche ESG-Daten auf unterschiedliche Art und Weise. Zudem ist ihre Methodik auf unterschiedliche Interessengruppen (z. B. Aktieninvestoren, Fixed-Income-Investoren oder Marktteilnehmer entlang der Lieferkette) ausgelegt. Es ist daher wenig überraschend, dass die Ergebnisse (Scores) der ESG-Ratings verschiedener Anbieter für ein und dasselbe Unternehmen oft nicht konsistent sind und die Endergebnisse häufig divergieren.

Bei der Entwicklung einer eigenen ESG-Strategie, der Einhaltung von Berichtsstandards und der Wahl ESG-konformer Finanzinstrumente sind rechtliche und regulatorische Rahmenbedingungen sowie Kapitalmarktstandards das A und O für Unternehmen. Darüber hinaus ist es sehr hilfreich, die eigenen ESG-Aktivitäten umfassend mit den Aktivitäten der Peergroup zu benchmarken.

ESG-Strategie und -Leistungsindikatoren: eine Übersicht

Für die meisten Aufsichtsbehörden, politischen Entscheidungsträger und Kapitalmarktakteure steht das Thema der Standardisierung ganz oben auf der Agenda. Eine Ausweitung der Offenlegungspflicht auf einen noch größeren Kreis an Unternehmen steht im Raum, was den Markt vor weitere Herausforderungen stellen wird. Wir gehen jedoch davon aus, dass die EU-Taxonomie (deren Finalisierung Anfang 2022 erwartet wird) mehr Klarheit bringt. Dabei wird zu berücksichtigen sein, dass Standards kontinuierlich weiterentwickelt werden. Hierbei ist die Geschäftsbeziehung zwischen Bank und Kunden besonders wertvoll. Als Bank können wir unseren Kunden mit detaillierten Analysen über

  • aktuelle regulatorische ESG-Entwicklungen,
  • Kapitalmarktanforderungen,
  • sektorspezifische ESG-Standards und
  • die sich entwickelnden Standards für die Kreditvergabe durch Banken

beratend zur Seite stehen.

Unterschiede nach Branche und Größe: Herausforderungen für Unternehmen beim Wandel zu mehr Nachhaltigkeit

Je nach Größe, Sektor und Standort gestaltet sich der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit für die Unternehmen natürlich unterschiedlich. An größere, börsennotierte Unternehmen zum Beispiel werden in Bezug auf ESG-Konformität meist umfangreichere Anforderungen von mehreren Interessengruppen formuliert als bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).

Aber auch kleinere Unternehmen bekommen den Druck von Finanzierern sowie in den Lieferketten immer deutlicher zu spüren und müssen z. B. zunehmend Vorgaben ihrer größeren Geschäftspartner erfüllen. Welche Rolle Unternehmen selbst einnehmen können, um ihre eigene Transformation, aber auch die Transformation der breiteren Lieferkette voranzubringen, ist nicht zu unterschätzen. Insbesondere multinationalen Großkonzernen kommt eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum geht, als gutes Beispiel voranzugehen und den Teilnehmern entlang der Lieferkette Wege aufzuzeigen, wie sich Nachhaltigkeitsziele erreichen lassen.

Die Wichtigkeit und Dringlichkeit der Umsetzung von ESG-Strategien steht außer Frage. Jeder Sektor, insbesondere jedes einzelne Unternehmen, sollte eine individuelle ESG-Strategie definieren und diese auch in der eigenen Kapitalstruktur verankern. ESG betrifft alle Ebenen, Prozesse und Abteilungen eines Unternehmens – ein fundierter und ressortübergreifender Ansatz ist daher entscheidend.

Im Vergleich zu kleineren Unternehmen können Großunternehmen leichter Ressourcen und Personal abstellen, eine effektive, realistische Strategie formulieren, Berichtsprozesse einführen und auf ESG-konforme Finanzprodukte umstellen. Diese Unternehmen sind meist sehr weit fortgeschritten und haben Bedarf an Beratung in Bezug auf die Optimierung bei der KPI-Auswahl sowie der Integration von ESG-Aspekten in ihre Kapital- und Finanzierungsstrukturen.

Die nächstkleinere Kategorie an Unternehmen erstellt Nachhaltigkeitsberichte nach CSRD (oder zumindest ein informelles, freiwilliges ESG-Reporting) und sucht Beratung hinsichtlich der Frage, wie die berichteten Nachhaltigkeitsziele sinnvoll und effektiv zu Finanzierungszwecken genutzt werden können.

Die Motivation hierfür ist jeweils, die eigene ESG-Strategie zu unterstreichen und noch glaubwürdiger zu machen, indem beispielsweise die Höhe der Marge an die Entwicklung von nachhaltigkeitsbezogenen Leistungsindikatoren geknüpft wird (mit Sustainability-linked Produkten). Zu guter Letzt gibt es eine dritte Kategorie von Unternehmen – in der Regel KMU –, die noch zögern, überhaupt zu handeln.

Die Commerzbank bietet für Kunden jeder Größe fundierte und sektorspezifische Beratungsleistungen in Bezug auf nachhaltige Strategien und unterstützt mit Finanzierungslösungen die nachhaltige Transformation jedes einzelnen Unternehmens.

Geschäftsbeziehungen zwischen Bank und Kunden – entscheidend auf dem Weg zur eigenen ESG-Strategie

Angesichts der enormen Herausforderung, die der Wandel zu mehr Nachhaltigkeit darstellt, ist ein partnerschaftlicher Ansatz entscheidend. Der Bankpartner als vertrauenswürdiger Berater sollte eine wichtige Anlaufstelle für jedes Unternehmen sein, das eine ESG-Strategie (weiter-)entwickeln möchte. Die Bank kann beim Einstieg in die Materie helfen, Orientierung geben und die Transformation durch passende Finanzierungslösungen fördern. Für alle Unternehmen, die am Anfang ihrer nachhaltigen Transformation stehen, empfiehlt es sich, Banken zu einem frühen Zeitpunkt einzubinden, damit die eigene ESG-Strategie von vornherein Banken-, Finanzierungs- und Kapitalmarktstandards erfüllt. Banken sind ein prädestinierter Partner, um ihre Kunden in diesem sich rasch weiterentwickelnden Umfeld zu unterstützen. Dabei bieten wir eine individuelle Beratung an, die nicht nur auf spezifischen Kundenkenntnissen aufbaut, sondern auch unsere Sektorexpertise einfließen lässt.

Wir bei der Commerzbank begleiten mit unserem Beratungsangebot, das auf unseren sektorspezifischen Analysen basiert, Unternehmen auf dem Weg zur eigenen ESG-Strategie. Unser Ziel ist es, Banken- und Kapitalmarktanforderungen wesentlich transparenter zu machen und gleichzeitig passende Finanzprodukte anzubieten, die unsere Kunden bei ihrem Wandel zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen.

Die Commerzbank ist für ihre Kunden in jeder Hinsicht der nachhaltigen Transformation die Partnerin der Wahl und hat sich als verlässliche Beraterin und Finanziererin bewährt. In diesem Zusammenhang haben wir sechs Kernpunkte herausgearbeitet, die Unternehmen beim Thema ESG aus unserer Sicht besonders beachten sollten.

Auf einen Blick: Warum ESG?

  1. Das Pariser Klimaabkommen und das gesamtgesellschaftliche Ziel, Treibhausgasemissionen zu reduzieren
  2. Wachsender regulatorischer Druck sowie der Fokus von Investoren und Banken auf die EU-Taxonomie
  3. Integration klimabezogener Risiken in die Kreditvergabeprozesse von Banken
  4. Schwerpunktverlagerung der Investoren auf ESG-Faktoren – über alle Vermögenswerte und Finanzprodukte hinweg
  5. Zunehmende Transparenz in Bezug auf ESG-Faktoren durch ESG-Ratings – vor allem für börsennotierte Unternehmen, aber nicht nur für sie
  6. Zu guter Letzt: Eine gute ESG-Strategie steigert den Unternehmenswert unter anderem mit positivem Einfluss auf Umsätze, Kostenbasis, Mitarbeitergewinnung und Marktanteile.

ESG-Konformität wird in allen Bereichen des Wirtschaftens schon bald die Norm sein. Nachhaltigkeitsanforderungen sollten wir alle im Blick haben und uns darauf einstellen – um in der Praxis handlungsfähig zu bleiben. Wir beobachten, dass Unternehmen, die Mindeststandards verfehlen, schon jetzt die Konsequenzen spüren: Sie werden sanktioniert, von Lieferketten und Finanzierungsmöglichkeiten ausgeschlossen sowie von den Konsumenten links liegen gelassen.

Der Zeitpunkt zum Handeln ist definitiv gekommen. Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit gibt es immer weniger Toleranz gegenüber bloßen Absichtserklärungen – es müssen Taten folgen.

Fast jedes einzelne Unternehmen durchläuft derzeit einen Transformationsprozess, muss diese Aufgabe aber nicht allein stemmen. Eine handlungsstarke, erfahrene Bank an der Seite kann wertvolle Unterstützung und Lösungen bieten.